Wie alles anfing
Historischer Rückblick
(nach Ehrenelferrat Alfred Ritter)
Eingangs ein paar Sätze zur historischen Entwicklung dieser kleinen Stadt an der Iller: Die erste urkundliche Erwähnung von Dietenheim resultiert aus dem Jahre 805 n. Christus. Sie ist nachzulesen in einem Buch von Ferdinand Eggmann, einem pensionierten Rentbeamten, das dieser anno 1862 verfasste. Danach gibt es keinen Zweifel, dass dieser damals noch winzige Flecken bereits damals christlich und vor allem katholisch geprägt war. Ziemlich sicher scheint auch, dass der Ort eine Kirche hatte. Während diese Daten als nicht absolut nachprüfbar gelten, wird Dietenheim mit dem heutigen Ortsnamen im Jahre 1290 erwähnt, als der Ort, wie das früher recht häufig der Fall war, den Besitzer wechselte.
Diese wenigen Zahlen erscheinen mir nicht unwichtig zu sein, da sie den reichen historischen Verlauf dieser Stadt mit ihrer wechselvollen Geschichte andeuten. Wenn man weiß, dass Christof Columbus dagegen erst 1496 Nordamerika entdeckte, erkennt man die geschichtliche Dimension der südlichsten Gemeinde des Alb-Donau-Kreises.
Die Stadtgeschichte Dietenheims steht mit Sicherheit auch in Zusammenhang mit der Fasenacht, welche freilich erst sehr viel später von sich reden machte.
Ohne zu übertreiben kann man Dietenheim alias Ranzenburg als Fasnachtshochburg des Illertales bezeichnen. Während jedoch andern Orts eine klare Zuteilung in der historischen Ausrichtung, also entweder allemannischer oder rheinischer Richtung möglich ist, hat die hiesige Fasnacht Elemente von beiden. Ich darf dabei einmal verweisen auf Hexen und Griasmolle auf der einen Seite und daneben die Präsentation durch Prinzenpaar, Garden und Elferrat, im Summe Hofstaat genannt. Wie ein roter Faden durchzieht die Geschichte der hiesigen Fasnacht ein unbändiger Frohsinn und Humor, unterbrochen nur die politschen Ereignisse des gerade abgelaufenen Jahrhunderts, man denke nur an die beiden Weltkriege, die Besatzungszeiten, Inflation oder Weltwirtschaftskrise. Seit rund hundert Jahren gibt es in Dietenheim diese närrische Bewegung, zu Anfang jedoch kaum organisiert, sondern eher zusammen gesetzt aus Mitgliedern verschiedener Vereine, die es zu dieser Zeit bereits gab. Erst viel später erfolgte eine richtige Vereinsgründung (mehr dazu später). Zunächst möchte ich etwas näher eingehen auf den namen der Dietenheimer Fasenacht. Es gibt über die Entstehung freilich keine eindeutige Hinweise, sondern lediglich zwei Versionen. Dietenheim hatte zu allen Zeiten viele Gewerbebetriebe innerhalb seiner Stadtmauern. Um ihre Erzeugnisse verkaufen zu können, suchten die Handwerker die umliegenden Orte auf und boten ihre Produkte an. Dabei verwendeten sie einen Ranzen zum Transport der Ware. Dieser Ranzen könnte Pate für den späteren Namen sein. Einer meiner Vorgänger, Sepp Schrode hat diese Deutung in folgender Versform geschrieben:
Was Ranzaburg bedeut´
will i Euch saga liebe Leut´,
Dietenheim ha, no
war im Mittelalter scho
a Mittelpunktgemeind wiea heit
mit lauter brave Handwerksleit.
Diea hend Reeha g´macht ond Teppich g´woba
Kreta gfhekt und Sailer zoga,
Matratza g´richt und Häfa g´macht,
ja do hot d´ganz Umgebung g´lacht.
Auf dr Iller hend se g´floset,
auf ihre Weiber gar net gloset
g´soffa hend se oft wiea d´Löcher
ond g´leert dabei gar manchen Becher,
Berg auf Berg ab, da karra zoga,
ma muß die Kerle heit no loba,
ond jeder hot zur Freid zund zom Entzücken
a Lederränzle ket am Rücken,
mit Werkzeug und mit Fada,
manche auch da ganza Lada,
So send se naus zu dene Baura
weit und breit
hand Anzüg g´macht und Hochzeitskleid.
Auf Regglisweiler, Wanga, Weihungszell
ja, do war ma glei zur Stell.
Dann ging´s auf Hörahausa, Balza Woi
und am Obend steinmüd hoim.
Des war die gute alte zeit
von de Ranzaburger Handwerksleit.
Allmählich hot die Zeit sich g´wandelt,
die Industrie isch bei uns g´landet,
die G´schäfter hand ganz nett g´fluscht
und somit isch dr Ranza g´ruscht.
Se traget da Ranza nemme auf dem Buckl
jetzt hend´se vorna da, da Huckel.
Diea Herra von dem hoha Rat
send beste zeuge in dr Tat
a jeder schloift do vorn da Ranza
und wollet no mit de Gardemädla tanza.
Des isch dr Unterschied von früher und heit,
von dene brave Handwerksleit.
So, jetzt wissa´dr ganz fei,
was heißt a Ranzaburger sei.
Eine zweite Deutung ist weniger wohlmeinend. Danach sollen die Dietenheimer Bürger jener zeit deutliche Körperverformungen gehabt haben und da sie sich als Bürger gegenüber dem armen Landvolk bezeichneten, soll zum spott der name Ranzenburger entstanden sein. Eine eindeutige Klärung wird wohl nie mehr möglich sein.
Kein Zufall ist jedoch, dass die Fasenacht oder Karneval in Dietenheim eine Heimat fand, nicht alleine wegen der katholischen Urwurzeln, sondern man nutzte diesen Umtrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch, um den damals vorhandenen Bürgersinn und Bürgerstolz als Ausdruck der Freiheit zu nutzen. Einen sogenannten Bürgerball gab es bereits anno 1892.
Unter der narrenkappe konnte man den "Obreren" die Wahrheit sagen, ohne gleich ins Kittchen wandern zu müssen, was zu dieser Zeit sonst ohne Umschweife erfolgen konnte. So mussten sich auch die "Mächtigen" von Dietenheim über die Jahrzehnte hinweg bis heute allerhand anhören. Diese wiederum sahen in dieser mehr oder weniger versteckten närrischen Demonstration eine Art Seismograph für die Stimmung in der Bevölkerung, wie sie bestimmte politische Vorgänge bewertete, sei es auf komunaler oder überregionaler Ebene.